2005
Hans Jürgen von der Wense


(*10.11.1894 in Ostpreußen, U9.11.1966 in Göttingen) War ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Komponist und Universalgelehrter. Er studierte anfangs Maschinenbau und Nationalökonomie, später auch Rechtswissenschaften und Philosophie. Erste Publikationen ab 1917, auch im Bereich der avantgardistischen Musik. Neben dem Studium der Meteorologie, Geologie, Mineralogie, Astronomie und Astrologie begann er mit den Übersetzungen außereuropäischer Literatur und wandte sich vielen anderen universellen Themen zu. Zwar legte er umfangreiche lexikalische Materialsammlungen zu verschiedensten Buchprojekten an, überliefert sind Schriften von ihm jedoch nur in Form von Briefen an Freunde. In seinem letzten Lebensjahr resümierte er, er sei "ein extrem anti-intellektueller, rein geistiger, d.h. schöpferischer mensch, ein besessener, dem alles lebenswerte zuwider und gleichgültig ist, ohne bedürfnisse, ohne sogar sex, mit krankhaften anti-eigenschaften wie völlig mangelndem ehrgeiz, erwerbstrieb, eitelkeit usw." Wense war immer arm, praktisch besitzlos. Seine Mahlzeiten nahm er meist in einer Volksküche oder, am Ende seines Lebens, in der billigen Bahnhofsgaststätte ein. Als er 1966 in Göttingen starb, hinterließ er etwa 40.000 beidseitig beschriebene Manuskriptseiten, fein säuberlich nach Themen in vielen Mappen abgelegt, unzählige Tagebücher, Messtischblätter mit landeskundlichen Notizen, Kompositionen, Fotografien, außerdem über 8.000 Seiten Briefe.


Lau Dan
DAS BUCH VON SINN UND GEIST
(in Werke, Band 2: Von Aas bis Zylinder; Seiten 1120-1159)
Verlag Zweitausendeins, Frankfurt 2005
ISBN 386150636X

Bucheinband (Schuber), Zweitausendeins, Frankfurt 2005

 


          "Ich behaupte dass meine Ausgabe alle anderen überholt."
 
            (Aus einem Brief von Hans Jürgen von der Wense, 22. Februar 1946)
 

Die Bearbeitung des Daodejing durch Hans Jürgen von der Wense wird vom Verlag doppelseitig präsentiert: Links findet sich seine wortgetreue "Interlinearübersetzung", von Wense aus dem Chinesischen übersetzt, rechts seine sinngemäße Fassung. Es handelt sich hierbei um die zuletzt gestaltete Textfassung aus dem Jahr 1965. Darin ist der Text des chinesischen Klassikers nicht mehr vollständig bearbeitet (nur noch 54 von 81 Kapiteln) und die Abfolge der Kapitel nach Wenses persönlichem Ermessen umgestellt. Auch innerhalb der einzelnen Kapitel wurden Passagen verkürzt oder gänzlich weggelassen. Mit dieser Irritation muss sich der Leser erst einmal zurechtfinden.
 
Bereits 1927 hatte Wense eine erste Fassung fertiggestellt, die "1930 der preußsiche kulturminister becker ... in 500 exemplaren abschreiben [läßt] und verteilt" (Davon ist heute kein Exemplar mehr nachweisbar). 1937 kündigte Wense an, er wolle den Text "neu fassen", 1942 hat er ihn "angefangen" und aus einem Brief des Jahres 1946 kann man entnehmen, dass er die Schreibweise "Lau Dsi oder gar Laotse" verwarf und nunmehr 'Lau Dan' als Namensbezeichnung wählte. Aus dem gleichen Brief stammt auch das eingangs angeführte euphorische Zitat. Auch von dieser Textfassung des Jahres 1946 hat sich kein Zeugnis erhalten. Im Jahr 1965 - ein Jahr vor seinem Tod - zerlegte Wense dann den ganzen Textaufbau und fügte "die willkürlich 300 jahre nach Lau Dans tod zusammengestellte folge der sprüche ..." neu zusammen, " ...was ich in wirklich genialem anwurf 'von selbst' in zwei tagen schaffte, eine große leistung".
 
Unzweifelhaft war Wense e
in Universalgelehrter, davon zeugt sein Nachlass, ein fleißiger Mann, aber auch ein Besessener, der sich ganz seinen inneren Welten hingab und diese auch ohne Kompromisse lebte. Eine allgemeinverständliche Textfassung zu schaffen war dabei wohl nicht sein Ziel, auch nicht, irgend eine seiner Textentwürfe als endgültig festzulegen. Weit mehr dürfte seinen Vorstellungen da ein dauerhaftes 'work in progress' entsprochen haben. So wie das Leben selbst.
   

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