1911
Richard Wilhelm


(*1873, U1930) Geboren in Stuttgart, studierte evangelische Theologie und ging 1899 als Missionar in die deutsche Kolonie Qingdao (Tsingtau). Bis 1919 dort als Pfarrer und Lehrer tätig. Für seine Verdienste im Erziehungswesen wird ihm vom chinesischen Kaiserhof später der "Rangknopf vierter Klasse", verbunden mit dem Titel "Dautai" verliehen. Widmete sich verstärkt dem Studium der Schriften des klassischen chinesischen Altertums und übersetzte diese im Laufe der Jahre, die seinen Namen in Deutschland berühmt machten und ab 1911 bei Diederichs in Jena herausgegeben wurden. Von 1922-24 arbeitete er als wissenschaftlicher Berater an der deutschen Gesandtschaft in Peking und lehrt an der Pekinger Universität. 1924 erfolgte die Berufung zum Honorarprofessor auf den neu gegründeten Stiftungslehrstuhl für Chinesische Geschichte und Philosophie in Frankfurt/Main, dem späteren China-Institut. Durch seine Übersetzungsarbeit wurde er zu einem "geistigen Mittler zwischen China und Europa". Seine späteren Publikationen zeigten zunehmend mystische Züge, womit er die klassische Evangelische Kirche hinter sich ließ.

Laotse , Tao Te King ,
Das Buch des Alten vom Sinn und Leben.
Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm
Eugen Diederichs Verlag, Jena. 120 Seiten

 

          "Wenn man heutzutage es unternimmt, Laotse zu übersetzen, so bedarf das in den Augen sämtlicher Sinologen vom Fach einer ausdrücklichen Entschuldigung. Denn kein chinesisches Werk hat seit ungefähr hundert Jahren die Übersetzertätigkeit so sehr auf sich gezogen wie gerade der Taoteking. Das Rätselhafte und Schwierige des Textes gibt so viel zu denken und zu sinnen. Und da der Taoteking ein Werk ist, dessen Verständnis auch unter den chinesischen Gelehrten nicht eben häufig angetroffen wird, so pflegt der Mut des angehenden Sinologen der Aufgabe gegenüber zu steigen. So gut wie die chinesischen Literaten ihm nicht gewachsen sind, fühlt er auch in sich die Berechtigung, ihn, falls es nicht anders sein kann, mißzuverstehen. ja, diese Berechtigung zu individueller Auffassung pflegt noch wesentlich weiter zu reichen. Es soll in der deutschen Literatur mehr als eine freie Nachdichtung des alten Weisen umlaufen, die ihre Quellen nicht im Studium des chinesischen Textes hat, sondern in einem intuitiven Erfassen dessen, was andere, weniger geistvolle Übersetzer bei der Wiedergabe des Textes in englischer oder französischer Sprache sich an philosophischem Tiefsinn haben entgehen lassen, wobei seltsamerweise die Seelenverwandtschaft meist soweit geht, daß der alte Chinese in seinen Gedanken eine auffallende Übereinstimmung mit dem jeweiligen Übersetzer zeigt.
          Man kann bei dieser Überfülle der Übersetzungen billig fragen, warum nun noch eine weitere dazukommen solle. Zwei Gründe sind es, die mir den Mut gegeben haben zu der vorliegenden Neuherausgabe. Der erste liegt in dem Plan des ganzen Unternehmens. Unter den Urkunden der Religion und Philosophie Chinas, selbst wenn, wie es beabsichtigt ist, nur das Allerwichtigste gegeben werden soll, darf das kleine Büchlein, das einen so großen Einfluß ausgeübt hat, nicht fehlen. Auch kommt es gerade dadurch, daß es so mitten drin steht in seinem natürlichen Zusammenhang, in eine Beleuchtung, die geeignet ist manches, das in seiner Isoliertheit befremden muß oder unverständlich bleibt, aufzuklären und richtigzustellen. Der zweite Grund ist daß gerade unter den vielen modernen Wiedergaben des alten Chinesen es sich vielleicht ganz gut macht, wenn er selbst auch einmal wieder zu Wort kommt.
          Die Literatur über Laotse ist nicht klein. Bei ihrer Durcharbeitung habe ich die Erfahrung gemacht daß das Neue, das über Laotse gesagt wird, in keinem Verhältnis zu der Masse des Vorgebrachten steht. Im Gegenteil, man kann beobachten, daß gewisse Dinge von einem Buch ihren Weg durch alle folgenden machen, indem sie teils anerkannt teils bestritten werden. Bei dieser Lage schien es weniger darauf anzukommen, aus den vorhandenen europäischen Büchern wieder einmal ein neues zusammenzustellen. Vielmehr schien es eher wünschenswert, aus der chinesischen Literatur etwas beizubringen. So wurde denn sowohl bei der Übersetzung als auch bei der Erklärung durchweg auf chinesische Quellen zurückgegriffen. Die europäische Literatur wurde nicht vernachlässigt, aber doch erst in zweiter Linie berücksichtigt. Immerhin dürfte wohl keines der wichtigeren Probleme, die mit Beziehung auf den Taoteking zur Diskussion stehen, unberücksichtigt geblieben sein. Auch schweigendes Vorübergehen ist unter Umständen eine Art der Berücksichtigung. Namentlich wo der Platz mangelt, um auf alle Details einzugehen und die eigene Ansicht ausführlich zu begründen. Gerade was Laotse anlangt, werden ja täglich neue Entdeckungen gemacht, und es wäre vielleicht verlockend gewesen, auch mit einer aufwarten zu können. Statt dessen wird manchem manches als veraltet erscheinen, das hier über den Taoteking beigebracht ist. Anderes wieder, das man gern entschieden sähe, mußte zweifelhaft gelassen werden. Aber das geht nun einmal so in der Welt. Man kann es nicht jedem recht machen. Alles in allem verdanke ich der Beschäftigung mit dem kleinen chinesischen Werkchen manche schöne Stunde ruhigen Schauens, und wenn es Leser gibt, denen es ebenso geht, so ist dieser Versuch einer Neuübersetzung nicht umsonst."                  (Aus dem Vorwort von Richard Wilhelm) 

Neuausgabe:

LAOTSE TAO TE KING  Das Buch vom Sinn und Leben. Übersetzt und mit einem Kommentar von Richard Wilhelm. Erweiterte Neuausgabe
Eugen Diederichs Verlag, München 1978
 

(Die vollständige Textversion der Neuausgabe von
Richard Wilhelm finden Sie über diesen
Link)

Die bis heute in Deutschland bekannteste Übersetzungsversion - ein Text mit fraglichen Qualitäten. Als evangelischer Missionar ist der Autor nur zu sehr versucht, den Gottesbegriff unterzubringen, was dem Sinn des TaoTeKing überhaupt nicht entspricht.
Ab der Neuauflage 1957 wird vom Diederichs Verlag eine von Richard Wilhelm leicht veränderte Textversion wiedergegeben, wohl auch, um dem zeitgenössischen Sprachgebrauch und Verständnis entgegenzukommen. In der erweiterten Neuausgabe 1978 ist der diesbezügliche Hinweis schon nicht mehr vorhanden, was bei aufmerksamen Lesern zu Irritationen führt. Die zentralen Begriffe SINN und LEBEN leitet Richard Wilhelm übrigens aus dem Faust-Monolog am Osterabend bzw. aus dem Johannes-Evangelium ab (obwohl Faust sich ja letztlich gegen SINN entscheidet und TAT als beste Übersetzung wählt ...).
Seit dem Jahr 2000 ist das Copyright an dieser Übersetzung abgelaufen (nach dem deutschen Urheberrechtsgesetz: 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers) und der Büchermarkt wird von einer Unzahl an Billig-Nachdrucken überschwemmt ...
 

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