1927
Dr. John Gustav Weiß


(*1857, V1943) War 34 Jahre lang Bürgermeister der Stadt Eberbach (am Neckar). Ein Typoskript des TaoTeKing auf Englisch (datiert auf 1923) wird in der British Library in London aufbewahrt, wurde aber nie veröffentlicht. In Deutschland veröffentlichte Weiß ansonsten zahlreiche historische, philosophische und allgemeinkulturelle Beiträge.

Lao-tse. Tao-te-King.
Herausgegeben und erläutert von Dr. J. G. Weiß.
Verlag von Philipp Reclam jun., Leipzig (o. J.). 93 Seiten.

          "Die vorliegende Wiedergabe des Tao-te-king bezweckt lediglich, den Leser mit dem Gedankeninhalt der Schrift bekannt zu machen. Unvereinbar mit der strengen Durchführung dieses Zwecks wäre der Versuch gewesen, zugleich ihrem dichterischen Wert gerecht zu werden.
          Eine völlig neue Übersetzung ist der Text, wie er nachstehend geboten wird, nicht. Er beruht vielmehr auf einer kritischen Vergleichung aller erreichbaren deutschen, englischen und französischen Übersetzungen unter sich und mit dem chinesischen Text. Auch anderweitige Literatur, deren Benutzung sachdienlich schien, habe ich herangezogen ...
          Der Gedanke, der mich bei meiner Arbeit leitete, war der, hinter der von Hause aus chaotischen, vielfach verderbten und durch die Unvollkommenheit der chinesischen Schriftsprache schwer zu enträtselnden Schrift den Mann und Denker und seine Grundideen zu suchen und von den letzteren aus Stellung zu den vielen Streitfragen zu nehmen, die zwischen den Übersetzern bestehen.
          Wenn nun auch überwiegende Gründe dafür sprechen, die Schrift in der Hauptsache als echt zu betrachten, so kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß sie vielfache Verstümmelungen und auch Einschiebungen erfahren hat. Ihre jedenfalls von vornherein ziemlich chaotische Anordnung ist dadurch noch verwirrender geworden. Auch die Einteilung in zwei Bücher mit zusammen 81 Kapiteln ist sicherlich nicht die ursprüngliche, und die Überschriften, mit denen die Kapitel wohl verhältnismäßig spät versehen wurden, sind meist geradezu irreführend, so daß sie mit Recht von den meisten Übersetzern weggelassen werden. Wenn so die Verfassung, in der die Schrift uns vorliegt, schon große Schwierigkeiten für deren Studium mit sich bringt, so werden diese Schwierigkeiten noch erhöht durch die Unvollkommenheit und Unbeholfenheit der chinesischen Sprache, insbesondere durch die Vieldeutigkeit der Wortbilder und den Umstand, daß dasselbe Zeichen, das ein Substantiv zum Ausdruck bringt, ohne irgendwelche unterscheidenden Merkmale auch für das entsprechende Adjektiv, Verb oder Adverb stehen kann. So bietet das Tao-te-king Rätsel, die nie restlos gelöst werden mögen. Aber zu der Annahme, daß Lao-tse absichtlich seine Aussprüche dunkel und schwerverständlich gehalten habe, berechtigt das nicht."    
                                      (Aus Vorwort und Einleitung des Verfassers)

Der Versuch einer sachlichen, wissenschaftlichen Textwiedergabe durch Vergleich fremder Übersetzungen, jedoch ohne Intention, den Inhalt über diese Grenzen hinaus darzulegen oder zu deuten.

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