1870
Victor von Strauss


(*18.9.1809, V1.4.1899) Victor von Strauss und Torney. Jurastudium an den Universitäten Erlangen, Bonn und Göttingen. 1832 trat er in den schaumburg-lippischen Staatsdienst ein und vermählte sich bald darauf mit Albertine von Torney, deren Namen er dem seinen 1864 anfügte. Veranlasst durch die Lektüre von David Friedrich Strauß' Leben Jesu schloss er seit 1836 ein vollständiges Theologiestudium an, infolge dessen er seine ursprünglich freisinnigen Ansichten preisgab und ins Lager der orthodoxen Partei überging. (Brümmer, Bd. 2, 1877) 1840 Ernennung zum Archivrat in Bückeburg. 1848 Kabinettsrat. In der Revolutionszeit 1848 war er Führer der Konservativen in Schaumburg-Lippe. 1850 Bevollmächtigter des Fürsten von Lippe beim Bundestag in Frankfurt und bei den Dresdener Ministerialkonferenzen. 1851 wurde er in den österreichischen Adelsstand erhoben. 1865 Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat. 1866 stimmte er für die Mobilmachung gegen Preußen, wodurch seine Stellung in Bückeburg unhaltbar wurde. Er privatisierte und zog 1869 nach Erlangen und 1872 nach Dresden. 1882 Promotion zum Dr. theol. in Leipzig. 

LAO-TSE'S  TAO TE KING.
Aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt, eingeleitet und
commentirt von Victor von Strauss.
Verlag von Friedrich Fleischer, Leipzig 1870. 357 Seiten.

(Die vollständige Textversion von Victor von Strauss
finden Sie über diesen
Link)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   Ausgabe Manesse Verlag 1959

   Neuausgabe 2004

          "Ich überzeugte mich, dass zum gründlichen Verständniss des Tao Te King weder die philosophische noch die religiöse Bildung der chinesischen Ausleger ausgereicht habe, dass dazu die unsrige ganz andere Mittel und Vortheile gewähre, und diese suchte ich nach dem mir gebotenen Maasse anzuwenden. Dadurch trat Lao-tse's System und Denkweise in ein ganz anderes Licht, und indem nun aus ihrer Gesamtheit heraus das Einzelne erklärt wurde, musste dessen Auslegung sich in gar vielen Fällen von der Auffassung der chinesischen Commentatoren entfernen .... So sehr ich nun auch bemüht gewesen bin, auf Grundlage des Grammatikalischen und Lexikalischen den Sinn des Einzelnen aus dem engern und weitern Zusammenhange zu ermitteln, so maasse ich mir doch keineswegs an, überall das Richtige getroffen zu haben. Indess habe ich mich nie ohne sorgfältige Prüfung von der herkömmlichen Auslegung entfernt. Im Verständnis des Sinnes mögen wir den gelehrten Chinesen überlegen seyn; im Wortverständnis haben wir von ihnen zu lernen.
          Bei der Übersetzung ist die möglichste Genauigkeit angestrebt, wodurch sie allein wahren Werth für den Forscher haben kann; auch ist versucht, der Redekürze des Originals thunlichst nahezukommen. Im Deutschen lässt sich darin mehr leisten als im Französischen, und ebendarum muss es auch geleistet werden.
          Eine Schwierigkeit, die bei jeder Uebersetzung aus einer fremden Sprache gefühlt wird, tritt dem Chinesischen gegenüber in hohem Maasse hervor. Diess ist die Unanmessbarkeit der chinesischen Wortbegriffe gegen die deutschen, ja gegen die europäischen überhaupt. Nur zu oft ist ein gleichgeltender Ausdruck gar nicht aufzufinden und selbst der nächstkommende mit Sicherheit nicht zu bestimmen.
          Leichtigkeit kann und darf die Übersetzung nicht haben, denn auch das Original hat sie nicht, hatte sie auch nicht für die Mitlebenden des Verfassers; dem Leser aber, so weit dies möglich ist, den Eindruck des Originals zu geben, darauf kommt es an. Aus diesem Grunde sind auch die häufigen Verscitate als solche wiedergegeben, und wo es irgend thunlich war, wurde da gereimt, wo im Chinesischen der Reim steht. Begreiflicherweise konnte dabei die strenge Genauigkeit der Üebersetzung nicht immer eingehalten werden, doch ist das Wörtliche dann immer in dem Commentare angeführt.
          Nach Abschluss dieser Vorrede erhalte ich: "Lao-tse Tao-te-king. Der Weg zur Tugend. Aus dem Chinesischen übersetzt und erklärt von Reinhold von Plaenckner. Leipzig: Brockhaus. 1870." Zu einer Revision meiner Auslegung würde mir dieses Buch, auch wenn es mir zeitiger vorgelegen hätte, keinen Anlass gegeben haben. Es entfernt sich zu sehr von Allem, was der Ernst deutscher Wissenschaft sowol für die Übersetzung als für die Auslegung bisher als Ziel aufgestellt hat. Würde man von einem Werke Platons oder Aristoteles' oder von Plotin eine so willkürliche, in modernen Abstractionen sich bewegende Paraphrase als Üebersetzung geben, wie es hier von Lao-tse geschehen, alle Urtheilsfähigen würden sich, und mit Recht, aufs Schärfste dagegen aussprechen. Bei der Liebe, ja dem Enthusiasmus des Bearbeiters für seinen Autor, über die man sich nur freuen kann, ist es schwer zu begreifen, wie er dazu kommen konnte, ihn so ganz und gar seiner Eigenthümlichkeit zu berauben, wie ein Vormund für ihn zu sprechen, statt ihn selbst sprechen zu lassen, seinen Worten nicht selten einen Sinn unterzulegen, der alles Sprachgebrauches spottet, ja ihn einige Mal direct das Gegentheil sagen zu lassen von dem, was dasteht ... Sein Urtheil über Stanislas Julien ist entschieden zu missbilligen. Er hätte von diesem grossen Kenner des chinesischen Sprach- gebrauches noch viel lernen können, und sein Werk dürfte anders ausgefallen seyn, wenn er es gethan hätte."                        
                                                    (Aus der Vorrede von Victor von Strauss)
  

Neuausgabe: Lao-tse , Tao Te King ,
Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert
von Victor von Strauss.
Bearbeitung und Einleitung von Willy.Y. Tonn.
Manesse Verlag, Zürich 1959. 420 Seiten.
    

          "Im Jahre 1870 hat Victor von Strauß uns die erste deutsche Übersetzung des Buchs von Lao-Tse beschert. Dies war damals auf dem Gebiet der Weltliteratur und insbesondere der umfangreichen, bedeutenden Literatur Chinas eine Großtat nicht nur der Übersetzungskunst, sondern auch in der Wahl des Textes. Die vor nunmehr achtzig Jahren erfolgte Veröffentlichung war aber nicht nur die erste deutsche Übersetzung des Textes aus dem Chinesischen, sie blieb auch die beste Übersetzung bis auf den heutigen Tag, wie von chinesischen und ebenso von europäischen Fachgelehrten anerkannt wird, vorbildlich für alle folgenden wissenschaftlichen Übersetzungen und für die Unmenge der sich daran anschließenden sogenannten 'kritisch vergleichenden Nachgestaltungen'. Verfasser von letzteren pflegten vielfach, nach den vorliegenden Übersetzungen diese ohne Kenntnis und Studium der chinesischen Sprache, Kommentare und Literatur mehr oder weniger nochmals auszulegen oder, besser gesagt, einzulegen, d. h. ihre eigenen Gedanken und Ideen willkürlich in den Text hineinzulegen. ... Da es im Chinesischen keinen Artikel gibt, wurde Tao, dem Begriff des Absoluten, welcher sich auch irn Westen bereits eingebürgert hat, der Artikel das anstatt der,die gegeben, um eine auf eine persönliche Gottheit hinweisende Mißdeutung zu vermeiden. infolgedessen mußten die Kommentarstellen fortfallen, in denen Strauß Tao als den persönlichen Gott bezeichnet und für fast durchgängig mit dem Gottesbegriff der Offenbarung identisch erklärt, was infolge zahlreicher Parallelen ihm als theosophischem Mystiker nahelag und auch bei dem erstmaligen Erscheinen des immerhin fremden Textes dem Leser zu leichterem Verständnis verhalf.... Die Verszitate in Reimform, die in einem philosophischen Text vielleicht manchen Leser überraschen, wurden beibehalten, da sie auch im chinesischen Original als solche wiedergegeben sind. ... Zu bemerken ist, daß die Chinesen als erstes Volk die Reimform anwandten, deren Gebrauch infolge der Einsilbigkeit der Sprache nahelag; jedenfalls sind die Verse hier nicht als Dichtung zu werten, sondern als Denk- und Merkreime, damit sie sich dem Gedächtnis leichter einprägen. ...
          Bei der Übersetzung strebte Strauß die möglichste Genauigkeit an und versuchte auch der Redekürze des Originals möglichst nahezukommen; allerdings läßt die Vieldeutigkeit der chinesischen Wortbegriffe einen gleichgeltenden deutschen Ausdruck oft nicht auffinden, doch ist weiteres dann im Kommentar erläutert. Diese Vieldeutigkeit erklärt auch die verschiedenartige Übersetzung und Auslegung mancher Textstellen; durch sie wurden ebenso die vielen 'Nachgestaltungen' überhaupt erst möglich. Leichtigkeit hat die Übersetzung nicht; denn auch das Original hat sie nicht, hatte sie auch nicht für die Zeitgenossen Lao-Tses."
                                                          (Aus dem Vorwort von W.Y.Tonn)

Strauss bietet ein fachlich sehr gutes Vorwort, das auch heute noch sehr interessant zu lesen ist, gerade als Beleg für den hohen Wissensstand der damaligen Zeit. Der eigentlichen Textübersetzung gerät heute jedoch ihr Alter zum Nachteil: Sie entspricht in der Wortwahl und in den Formulierungen auch dem Sprachgebrauch vor 130 Jahren! Alle Sinologen haben immer wieder auf die Schwierigkeit hingewiesen, dass sich die Bedeutungsinhalte vieler chinesischer Schriftzeichen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben und sie später deshalb nur noch schwer verständlich sind - bei der ersten deutschen TaoTeKing-Übersetzung können wir dies bezüglich unserer eigenen Muttersprache schon nach viel kürzerer Zeit feststellen ...
  

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