1961
Karl-Otto Schmidt


(*1904 in Laboe bei Kiel, U1977 in Reutlingen) Geboren in Schleswig-Holstein, Buchhändlerlehre in Flensburg, danach ab 1925 als Verlagsbuchhändler beim Baum-Verlag tätig. Ab 1930 wird er der deutsche Vertreter des Internationalen Neugeistbundes und weiterer internationaler Organisationen, die sich auch mit der inhaltlichen Annäherung der Religionen befassen. Er wird 1941 durch die Gestapo verhaftet, überlebt aber das KZ Welzheim und arbeitet dann als Stadtbibliothekar in Reutlingen. 1970 wird er Präsident der Liga für universale Religion und 1972 auch Vorstand der Freien Christlichen Volkskirche. Er wird neben Vincent Peale und Dr. Joseph Murphy zu den Klassikern des neuen positiven Denkens gezählt. Als Verfasser von über 100 Büchern und mit insgesamt über zwei Millionen Auflage, wird der Lebensphilosoph und Lebensberater auch international bekannt. 1972 wird ihm für seine Verdienste als Schriftsteller das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Lao-Tse.
TAO-TEH-KING.
Weg-Weisung zur Wirklichkeit.
Baum-Verlag, Pfullingen/Württemberg 1961.
224 Seiten.

          "Dichter, Theologen und Philosophen haben mit ihren oft gegensätzlichen Wiedergaben dargetan, wie mannigfach sich das Wort des Weisen im Bewußtsein der Menschen ihrem seelischen Wachheits- und Reifegrad gemäß spiegelt. Fast scheint es, als wäre der Tao-Te-King ein Spiegel, in dem jeder Interpret zuerst sich selbst erblickt ...
          Da aber Lao-Tse weder Philosoph noch Theologe, noch Dichter, sondern Mystiker ist, dürfte am ehesten ein Mystiker das zeitlos Gültige seiner Kündung in der ursprünglichen Einfachheit und Eindringlichkeit wiederzugeben imstande sein. Für Philologen und Philosophen bleibt - wie schon Max Müller in seiner Einführung in die Religionswissenschaft bemerkte 'der Text des Tao-Te-King ohne Kommentar unverständlich, weshalb Stanislas Julien mehr als sechzig chinesische Kommentare für seine Übersetzung zu Rate zog, von denen der früheste bis ins Jahr 163 vor Chr. zurückreicht.' Dvorak fügte hinzu, daß 'vielleicht kein einziger Satz von allen Übersetzern gleich verstanden, geschweige denn übersetzt wird'. Das rührt zum kleineren Teil daher, daß die Ideogramme der chinesischen Schrift oft mehrere Bedeutungen haben, zum größeren daher, daß die Übersetzer und Kommentatoren zumeist keine Mystiker waren. Nur ein Mystiker wird Lao-Tse unmittelbar verstehen und imstande sein, seine Lebenslehre jedermann zugänglich zu machen.
          Victor von Strauß war der erste, der (1870) eine vollständige deutsche Übertragung des Tao-Teh-King herausgab und in Lao-Tse den Mystiker erkannte, dessen Denken 'vom tiefsten Urgrund alles Seins als dem allein Gewissen und Erfahrbaren' ausging, wenn er auch die Weisheitstiefen des Tao-Teh-King nicht auszuloten, geschweige denn auszuschöpfen vermochte. Die erste Begegnung mit Lao-Tse verdanke ich der Tao-Teh-King-Übertragung, die Richard Wilhelm 1910 in Tsingtau vollendete und ein Jahr später in Jena erscheinen ließ. Sie entzündete in mir die Flamme der Besinnung auf das Wesentliche der Weisheit Lao-Tse's, die seitdem weiter glutete und mich schon in jungen Jahren ahnen ließ, daß man der Abstammung nach ein Kind des Nordens und zugleich, nach Herkunft und seelischer Vergangenheit, ein Erbe des Ostens und Geistesverwandter Lao-Tse's sein kann, für den die Sprüche des Weisen nichts Dunkles und Geheimnisvoll-Unverständliches enthalten, sondern auf alles, was sie berühren, das helle Licht lebendiger Wahrheitsgewißheit werfen.
          Dank gebührt den Sinologen, deren Arbeit die im folgenden vermittelte Tao-Teh-King-Ausgabe erst möglich machten. Verehrung aber dem Geiste Lao-Tse's, dessen Weisheit meinem Herzen unmittelbar aufging und mir nicht nur das Wesen des Ostens neu erschloß, sondern auch den weg zum 'Innersten Osten' wies, in dem die Sonne der Wirklichkeits-Gewißheit allerhellend aufstrahlt und es möglich macht, Lao-Tse für jedermann verständlich werden zu lassen.
          Überzeugt und gewiß, daß Lao-Tse auch und gerade den Menschen des deutschen Sprachbereichs Größeres und Tieferes zu sagen hat, als bisher bewußt gemacht worden ist, habe ich in der vorliegenden Verdeutschung der Sprüche des Tao-Teh-King nur ausgesagt, was der Weise selbst ausgesprochen wissen wollte, und in der erläuternden Verdeutlichung der einzelnen Sprüche nur so viel angedeutet, als auch er in den Wortspielen aufblitzen ließ, um schlummerndes Eigen-Weistum der Seele zu wecken. Ein Schüler des Weisen wagt es hier, ein Weniges der Weisheit zu vermitteln, für die der Erleuchtete ihm die Augen öffnete. Wer von der Dynamik der Worte Lao-Tse's ergriffen, entflammt und zu sich selbst geleitet wird, danke es dem Lehrer; das Unzulängliche aber möge man dem Schüler zugute halten. -
          Natürlich entfiel in dieser Sicht von vornherein jeder Versuch, das mit Worten nicht zu Umschreibende durch unzureichende Übertragungen wiederzugeben. 'TAO' wurde auf verschiedenste Weise übersetzt ... da aber jede Übersetzung dieses Wortes nur einen Aspekt des Tao sichtbar macht, nicht Tao selbst lebendig werden läßt, wurde das chinesische Zeichen 'TAO' ebenso wie dessen Offenbarung 'TEH', in seiner Urform belassen. Denn TAO ist nichts, was man greifen und in Worte kleiden kann. Was man darüber aussagt, ist nicht mehr TAO: Tao kann man nur erleben und sein. Von ihm erfüllt sein heißt: seiner selbst ledig und zu Licht geworden sein.
          ... Eben darum wird die hier vermittelte Verdeutschung der einzelnen Sprüche, soweit erforderlich und förderlich, von einer zur rechten Lebensführung und Selbstvollendung hinweisenden Verdeutlichung begleitet, die nur Fährboot zum anderen Ufer rechten Erkennens sein will und fahren gelassen werden kann, sowie die Weisheit des Weisen einem unmittelbar eingeht und aufgeht und durch Eigen-Tun zu unverlierbarem Eigentum ward. Sowie des Weisen Wort - das nur der begreift, der von ihm ergriffen wird - das schlummernde Weistum des eigenen göttlichen Selbstes weckt, wird die Kündigung Lao-Tse's in ihrer ganzen Fülle sicht- und erfahrbar und zur Bestätigung eigenen Gewißseins. Rechtfertigung der hier gegebenen Verdeutschung und Verdeutlichung mag eben diese Tatsache und der Umstand sein, daß sie kein Wort des Weisen unverstanden lassen und zu keinen schwärmerisch-verschwommenen Spekulationen verleiten, sondern mit jedem Satz zur eigenen Wesensmitte führen und zugleich bis zum letzten Paradoxon die Übereinstimmung mit den gleichsinnigen Kündigungen der Mystiker aller Zeiten und Völker sichtbar machen.
          Damit wird Lao-Tse's Tao-Teh-King zu dem, was er sein will: zu einem Lebensführer, der zum Erwachen aus dem Traum des Daseins und zur Meisterung des Lebens von innen her verhilft. Die Entscheidung darüber, wie weit er das wird, liegt im Herzen des Lesers."
          (Aus dem Vorwort Die Lebenslehre Lao-Tse's von K. O. Schmidt)

Diesem Vorwort ist wenig hinzuzufügen. Die Verdeutschung, wie sie Schmidt selber nennt, nimmt unter den deutschsprachigen Versionen des TaoTeKing eine Sonderstellung ein. Hier wird sprachlich aus dem Vollen geschöpft, Schmidt geht weit über das reine Wort hinaus und entwirft ein opulentes Landschafsbild der inneren Welt. Dazu gehört dann auch, dass er über die Person Laotses mehr erzählt, als selbst die Geschichtsschreibung zu berichten weiß und ihn der Leserschaft bei Sonnenuntergang in Meditation versunken vor Augen führt. Aber das sei erlaubt: Wenn uns der Roman besser weiterhilft, als es der reine  Tatsachenbericht vermag, dann hat auch das Romanhafte seine Daseinsberechtigung. Zudem wird niemand dem Herausgeber nach Lesen dieses Buches absprechen, von dem zutiefst durchdrungen zu sein, wovon er berichtet. Hier herrscht kein fadenscheiniges New Age und auch keine christlich-religiös verbrämte Schwärmerei. Um das Unsagbare vor Augen zu holen, bedient sich der Verfasser des passenden Mediums: Der Bilder. Ein sinnvolles Vorgehen, wo es um Vermittlung anstatt um Lehre geht. Eine beeindruckende Arbeit.
 

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