1870
Reinhold
von Plaenckner


(Deutscher Sinologe)

LAO-TSE TÁO-TE-KING , DER WEG ZUR TUGEND
Aus dem Chinesischen übersetzt und erklärt von Reinhold von Plaenckner.
F. A. Brockhaus, Leipzig 1870. 425 Seiten.

"(Ich) ... entnehme dem reichen Schatze der chinesischen Literatur ein Werk und übergebe es dem Westen und mache mein Wagniss noch zehnmal grösser durch die Behauptung, dass dieses Werk des ältesten chinesischen Philosophen, welches in China für Klassisch gilt, auf der ganzen Erde das Attribut "klassisch" verdient. ... Es ist nicht so ganz leicht, in die alten, weit vorchristlichen Zeiten des Reichs der Mitte sich hineinzuleben, versuchen wollen zu denken, wie der chinesische Weise Lao-tse seinerzeit und seinesorts gedacht hat, und das in Jahrtausenden etwas sehr nachgedunkelte Gemälde so zu restauriren, dass es nur kenntlich, geschweige dass es in seiner Vollendung erkannt, dass es schön gefunden wird.
Ich habe die wahre Meinung erst vollständig begriffen, als ich das ganze Buch wiederholt und vielmals wiederholt durchstudirt hatte. Indirekt gab mir Abel Rémusat die Ueberzeugung, der in seinen "Mélanges asiatiques" besonders aber im 7. Theil der "Mémoires de l'Académie des inscriptions et belles lettres" ein "Mémoire sur la vie et les ouvrages de Lao-tse" gibt. Denn sowol die Eleganz, mit welcher dieser grosse Gelehrte schreibt, als die Beredsamkeit, mit der er den Stoff behandelt, die gediegene Kenntniss des Chinesischen, die er bekundet, die Bekanntschaft mit den Philosophen des Altertums überhaupt, endlich sein Forschergeist, drangen mir die Ueberzeugung auf, er würde wohl andern Sinnes über das Táo-te-king und seinen Autor geworden sein, wenn er, statt sich mit der Uebersetzung von vier bis fünf Kapiteln zu begnügen, das ganze Buch durchforscht hätte! Leider hielt er die Uebersetzung für unmöglich, die Hindernisse für unübersteiglich. Er sagt darüber: 'Es würde eine sehr grosse Schwierigkeit sein, wenn es sich darum handeln sollte, das Buch vollständig zu übersetzen, und eine Aufklärung in Bezug auf die Lehre zu geben, die es enthält. ... Es genügt den handgreiflichsten Sinn zu constatiren, zuweilen auch nur die Ausdrücke zu bezeichnen, ohne nach der tiefern philosophischen Bedeutung, die sie noch haben können, zu forschen. Ausser der Dunkelheit des Stoffes an sich hatten die Alten noch andere Gründe, die sie veranlassten, sich nicht deutlicher über diese Dinge auszudrücken ... Der Text ist so durchaus dunkel; wir haben so wenig Mittel darüber vollständiges Verständniss zu erlangen, so wenig Bekanntschaft mit den Verhältnissen, auf welche der Autor Bezug nimmt; wir sind, mit einem Wort, in jeder Hinsicht so weit entfernt von dem Gedankenkreise, in welchem der Autor sich bewegte, dass es Vermessenheit, ja Frevel wäre, behaupten zu wollen, man habe den exacten Sinn von dem gefunden, was der Autor zu geben beabsichtigte.'
Die vier bis fünf herausgegriffenen Kapitel zeigen in der Uebersetzung, die Abel Rémusat gibt, allerdings weder Zusammenhang noch auch den richtigen Sinn. Beides ist natürlich, das aber nicht, dass er nun durch seine Uebersetzung sich zu bittern Ausdrücken und Schmähungen hinreissen lässt, die das Buch nicht verdient. Sicher würde der grosse Sinolog dies unterlassen haben, wenn er das Buch vollständig übersetzt hätte. Ganz besonders aber auch, wenn er nicht mit vorgefassten Ideen an das Buch herangetreten wäre.
Dies letztere ist es vor allem, was nicht nur Abel Rémusat verhindert hat durchzudringen, sondern auch den andern, die sich an dem Buche versucht, die Uebersetzung erschwert, und mir die Sache in etwas dadurch erleichtert hat, dass ich nur mit der sehr allgemeinen Voridee die Uebersetzung des Buches unternahm, dass das Buch ein gutes sein müsse. Dieser Gedanke, dass das Buch einen guten Inhalt haben müsse, wurde bei mir dadurch hervorgerufen, dass es Jahrtausende hindurch den Ruhm ein Klassisches zu sein in China bewahrt hat, und befestigt wurde der Gedanke durch die ungemein hohe Meinung, die Kong-tse, d. i. Confucius, von dem eminenten Geiste des Verfassers hat. ...
Ich schrieb (das Buch) nicht für den Sinologen allein; nicht nur für den Geschichtsforscher, den Culturhistoriker; nicht nur für die, welche für Philosophie schwärmen; nicht für die Politiker besonders, denen darin gesagt wird, sie möchten ihre veralteten ... Maximen aufgeben ...; nicht allein für die Theologen, welcher Sekte, welcher Confession, welchen Glaubens sie auch seien, um ihnen etwa Duldung und anderes zu lehren. Ich schrieb es für all die, die China, die Chinesen und alles, was von China kommt, bekritteln und verlachen, ihnen zu zeigen, dass auch dort und in den ältesten, fernsten Zeiten schon Weise von gesunder, edler Denkungsart gelebt haben, und ich meine, ich habe genützt, wenn ich dargethan habe, dass dies Land mit seiner Seltsankeit, seinem Materialismus, doch einen Mann sein nennen konnte, der ... frei wird vom Materialismus und fähig zu einer reinen, oder doch reinern Gottes- und Weltanschauung.
Ich meine, es ist ein großer Unterschied zwischen einer sklavisch-treuen und einer überlegt-treuen Uebersetzung. Die erste lexikale Bedeutung der Worte einer Sprache wiederzugeben, und diese Wort hier wie dort aneinanderzureihen, muss zu Unverständlichkeit und Hässlichkeit führen. Die Uebertragung eines alten classischen chinesischen Werkes Wort für Wort würde, wegen der oft grenzenlos erweiterten Bedeutung eines Wortes, mehr noch wegen der kernigen, oft auch poetischen Kürze der Ausdrucksweise, geradehin unmöglich. Ich habe mich daher oft in der Lage gesehen, die mehrfache Bedeutung eines Wortes auch mehrfach wiederzugeben, vor allem aber gesucht, den Sinn von dem, was Lao-tse gedacht und in seiner Sprache classisch schön nierdergeschrieben hat, wenigstens verständlich und im Zusammenhang wiederzugeben. Man müsste in beiden Sprachen Meister sein, um das Meisterwerk als solches wiedergeben zu können."     
                           (Aus Vorwort und Einleitung von Reinhold von Plaenckner)

Im gewissen Sinne durchaus eine Ergänzung zur v. Strauß'schen Übersetzung. Plaenkner verwendet in seiner Übertragung wesentlich ausführlichere Formulierungen, so dass seine Textversion oft doppelt oder dreimal so lang ausfällt und damit schon einer Auslegung gleichkommt. Seine Anmerkungen sind weniger scholastisch gelehrt als bei v. Strauß, zeichnen sich aber dadurch aus, das sie sich über die Worte hinaus zu einem Verständnis des Inhalts aufschwingen, während v. Strauß sich mehr in philosophischen Begriffs-Erklärungen ergeht. Doch Plaenkners Art dürfte gerade im Erscheinungsjahr hilfreich und sinnvoll gewesen sein, um den Leser auf diesem Neuland an die Hand zu nehmen und einzuführen. Dass Plaenkner für den im Abendland neuen Begriff des TAO jedoch die alte und symbolbefrachtete Bezeichnung GOTT gebraucht (v. Strauß spricht vom HERRN und HERRSCHER), trägt nicht nur die Gefahr in sich, dem Leser einen alten Herrn mit weißem Bart vors geistige Auge zu zaubern, sondern erschwert es vor allem, sich von alten Bildern zu trennen und sich ein neues, unbelastetes Verständnis von jenem 'Zustand' zu erschließen, von dem das Tao Te King spricht.
  

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