1995
Man-Ho Kwok


Der Taiwanese Man-Ho Kwok widmete sich in Hong Kong zwanzig Jahre lang der taoistischen und buddhistischen Lehre und lebt heute in Großbritannien.

Laotse. Tao Te Ching.
Mit chinesischen Text-Kalligraphien von Kwok-Lap Chan.
Theseus Verlag, Berlin 1995. 191 Seiten.
ISBN 3-89620-076-3

          "Es wird Ihnen auffallen, daß wir in dieser Ausgabe des Daodejing einige Änderungen im Vergleich zu dem bislang üblichen Umfang und der Anordnung des Textes vorgenommen haben. Das hat mehrere Gründe: einmal das Wissen um die Geschichte der frühen daoistischen Texte und ihre materielle Beschaffenheit; zum anderen Ergebnisse moderner chinesischer Forschungen und Kommentare zum Text; und schließlich unsere eigene Forschung und Arbeit am Text bei dessen Übersetzung in eine poetische Sprache. Die wohl auffallendste Änderung betrifft die Einteilung der Kapitel. Wir haben zwar die Einteilung in zwei Hauptteile - Dao und De - beibehalten, sind aber der Meinung, daß der ursprüngliche De-Teil mit Kapitel 70 abschließt. Die Kapitel 71-81 behandeln wir deshalb als eine Coda. Dafür gibt es drei Gründe: Zuerst einmal ist uns aufgefallen, daß von Kapitel 71 ab die Qualität der Texte im Vergleich zu den vorangehenden Textteilen deutlich abnimmt. Das sprachliche Niveau des Originals und die redundante und oft oberflächliche Natur der letzten Kapitel scheinen uns nahezulegen, daß sie einer anderen Kategorie angehören als die übrigen Texte. Mit Ausnahme von Kapitel 77 und seinem Bild des Bogens enthält keines dieser Kapitel eine originelle Einsicht. In den meisten Fällen variieren diese Kapitel nur Themen, die früher im Buch bereits mit größerem Tiefgang behandelt wurden. Der zweite Grund für unsere Einteilung ist der Inhalt des siebzigsten Kapitels ... Dieses Kapitel spiegelt den Eröffnungsspruch im ersten Kapitel wider ... Dieses Kapitel ist eines der unmittelbarsten und schönsten des Daodejing und seine Symmetrie zum ersten Kapitel läßt uns annehmen, daß der De-Teil mit diesem Text abschließt. Es gibt noch einen dritten Grund für unsere Vermutung. Es besteht kein Zweifel daran, daß der Dao-Teil den Kern der Botschaft des Daodejing enthält. Thema des Buches ist das Dao, der De-Teil spielt eine unterstützende Rolle. Der Dao-Teil enthält 37 Kapitel. Geht man davon aus, daß alle 81 Kapitel des Buches zu der ursprünglichen Fassung gehören, dann hätte der De-Teil 44 Kapitel. Das halten wir für unwahrscheinlich. Sehen wir die letzten elf Kapitel jedoch als eine spätere Hinzufügung, dann hätte der De-Teil 33 Kapitel und wäre damit kürzer als der Dao-Teil. Nach Sima Qians Darstellung soll Laozi ein klassisches Buch von 5000 Schriftzeichen geschrieben haben. Der heute vorliegende Text ist jedoch umfangreicher.
          Weitere wesentliche Eingriffe haben wir am Inhalt einer Reihe von Kapiteln vorgenommen. Mit der Umstellung etlicher Zeilen, die in der alten Version offenbar falsch eingeordnet wurden, folgen wir den Ansichten zeitgenössischer chinesischer Kommentatoren. So ist das 63. Kapitel in unserer Fassung fast doppelt so lang wie gewöhnlich. Wir haben nämlich den Abschnitt, der normalerweise die zweite Hälfte des 64. Kapitels darstellt, an den Anfang von Kapitel 63 gestellt. Er passt hier viel besser hin und führt in das Thema des restlichen Kapitels 63 ein .... Die Kommentatoren vertreten die Meinung, daß die Stoffbänder, die ursprünglich die Bambustäfelchen zusammenhielten, verrotteten und rissen und die Täfelchen danach neu zusammengefügt wurden, wobei es zu einer Verschiebung von Textblöcken kam.
          An verschiedenen Stellen im Text fanden wir Sätze, die wir für falsch platziert oder Wiederholungen hielten und die für das jeweilige Kapitel keine Relevanz hatten. Indem wir die Sätze herausgenommen und dort eingebaut haben, wo sie unserer Ansicht nach hingehören, haben wir versucht, dem Text seine ursprüngliche Form wiederzugeben.
          Im Verlauf dieser Arbeit haben Man-Ho Kwok und ich eine ausführliche Rohübersetzung erstellt, in der wir oft genug drei oder vier Ausdrücke oder gar Sätze benutzen mußten, um die Essenz dessen einzufangen, was sich mit ein oder zwei chinesischen Schriftzeichen sehr viel besser ausdrücken ließ. Auf der Basis dieser Rohübersetzung erarbeitete Jay dann die poetische Übersetzung. Ein Ergebnis dieser Vorgehensweise ist, daß Jay hier und da eine Zeile hinzugefügt hat, in der er weitere Bedeutungsebenen eines Wortes oder eines Satzes aus der vorhergehenden Zeile eingefangen hat. Linear von einer Sprache in die andere zu übersetzen ist immer unmöglich, aber wenn man es mit einem derart profunden spirituellen und philosophischen Text wie dem Daodejing zu tun hat, ist das noch weniger möglich. Wir hoffen deshalb, daß der Leser die Hilfestellung zum Verständnis der Nuancen des Textes begrüßen und uns die Hinzufügung ungewohnter zusätzlicher Zeilen verzeihen wird."                                           (Aus der Einführung von Martin Palmer)

Eine optisch schön aufgemachte Publikation. Der Einführung von Martin Palmer folgt ein zweites Vorwort von Jay Ramsay, in dem der Dichter darlegt, wie wesentlich für ihn Aspekte des Stils und des dichterischen Rhythmus sind und dass die endgültige Textfassung der englischen Originalausgabe somit von ihm stammt. Insofern geht dieser Aspekt durch die Übertragung ins Deutsche wahrscheinlich verloren und es ist somit fraglich, ob die nochmalige Übertragung von ausländischen Übersetzungen des TaoTeKing ins Deutsche überhaupt sinnvoll ist. Wer die vorliegende deutsche Übertragung vornahm, wird in der Publikation nicht erwähnt.
  

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