1999
Erwin Jaeckle


(*1909 in Zürich, U1997 in Zürich) Schriftsteller und Literaturkritiker mit umfangreichen Publikationen.

Mein Tao Tê King
Novalis Verlag Schaffhausen. 174 Seiten.
ISBN 3-907160-59-2

          "1927 war im Innsbrucker Brenner-Verlag eine Abhandlung von Carl Dallago (1869-1949) über das Buch Tao Tê King von Lao Tse erschienen. Dallagos Interpretation beruhte auf der Übersetzung des Werkes von Richard Wilhelm (1911), die Jaeckle «zuweilen pfarrherrlich» vorkam. Als kritischer Geist begann er alle westlichen Übertragungen dieses altchinesischen Weisheitsbuches zu sammeln und mit dem chinesischen Urtext zu vergleichen. Je tiefer er in den Geist dieses Werkes vordrang, umso kräftiger regte sich in ihm der Wunsch, eine eigene Tao Tê King-Fassung herzustellen, die den Sinn von Lao Tses Sprüchen getreuer wiederzugeben trachtete als viele der vorliegenden Übersetzungen. Jaeckle glaubte sich dazu besonders berechtigt, weil er sich mit seinem ganzen eigenen Denken dem Weltverständnis und der Weltschau Lao Tses innigst verwandt fühlte und weil er auch über die erforderliche sprachschöpferische Begabung verfügte, die ihn befähigte, dem Geist dieses Werkes in einer deutschen Neufassung näher zu kommen. Im vollen Bewusstsein, dass keine anderssprachige Fassung der chinesischen Originalvorlage je ganz gerecht zu werden vermochte, nannte Jaeckle seine Übersetzung daher Mein Tao Tê King, um zu betonen, dass er damit chinesischen Geist aus seinem Geiste wiedergab. Dank dieser einzigartigen Geistesverwandtschaft Jaeckles mit dem chinesischen Autor ist eine unvergleichliche deuschsprachige Neugestaltung des Werkes gelungen.
          Was diese neue Verdeutschung des Tao Tê King aber besonders heraushebt, sind die Hilfen, die Jaeckle zum Verständnis des Werkes bietet. Er gibt keine wissenschaftlich rationalistische Deutung der 81 Sprüche. Das stünde im Widerspruch zum Werk. Lao Tses Texte sind «in vollem Sinne dichterisch» und wollen daher dichterisch begriffen werden. Hier bewährt sich Jaeckles eigene dichterische Art, die ihm den Zugang zum chinesischen Denken und Fühlen besonders ermöglicht und die Weisheiten des Buches nachempfinden lässt. Vom Tao Tê King gilt das goethesche «Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen». Wir müssen uns von einem rationalistischen westlichen Denken verabschieden und uns völlig unvoreingenommen dem chinesischen Denken öffnen. Bei Jaeckle geschieht dies über seine eigene dichterische Sprache, mit der er gewissermaßen die Sprache Lao Tses umspielt, sie in deutscher Sprache paraphrasiert und so die uralte chinesische Bilderwelt für unser Nachempfinden erhellt.
          Man täusche sich nicht: Die Lektüre des Tao Tê King stellt höchste Anforderungen an den Leser. Dieser muss ein westlich rationalistisches Denken völlig vergessen und sich ohne vorgefasste Absichten den Texten nähern. Er muss eine Bereitschaft zu meditativem Einfühlen mitbringen und sich bedingungslos den Worten Lao Tses überlassen, wenn ihm die letzte Einsicht in die Weisheit des alten Chinesen zuwachsen soll. Es geht um ein Eintauchen ins Unsagbare und Unfassbare. Wir nähern uns dem Geheimnis nicht verstandesmässig. Wenn Jaeckle sagt: «Man muss die Dinge mit dem Herzen verstehen», so findet er sich in Übereinstimmung mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»
          Einzigartig hilfreich sind bei dieser Ausgabe auch die zahlreichen Querverweise, mit denen Jaeckle die Sprüche untereinander verbindet. Sie lassen die innige gedankliche Vernetzung, die unter den Texten herrscht und die Geschlossenheit von Lao Tses Welterlebnis und Weltverständnis gewahr werden. Wer eine möglichst gründliche Vertiefung in die taoistische Weltschau sucht, wird sich mit Gewinn dieser Querhinweise bedienen."
                                                            (Aus dem Vorwort von Eduard Stäuble)

Erwin Jaeckle hat seine Übertragung 1984 abgeschlossen. Die Publikation scheint posthum erstmals 15 Jahre später beim Novalis Verlag herausgegeben worden zu sein. Die Übertragung hält sich relativ eng an den chinesischen Urtext, ohne große persönliche Interpretation. Die im Vorwort besonders herausgestellten Querverweise ergeben sich beim aufmerksamen Lesen des Tao Te King aber eigentlich von selbst.
    

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