1996
Ray Grigg


Ray Grigg war über lange Zeit Lehrer in British Columbia/Kanada. Neben einer weiteren Übertragung des TaoTeKing verfasste er noch eine Reihe anderer Bücher, die sich mit dem Phänomen des TAO beschäftigen, so The Tao of Relationships, The Tao of Sailing, The Tao of Zen.

Das Tao des Seins
Ein Arbeitsbuch zum Denken und Handeln
Junfermann Verlag, Paderborn. 
192 Seiten
ISBN 3-87387-282-X

Die Übersetzung der amerikanischen Originalausgabe besorgten Theo Kierdorf in Zusammenarbeit mit Hildegard Höhr - so dass man die vorliegende deutsche Textversion streng genommen als ihr Werk ansehen müsste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

          "Ich habe verschiedene Übersetzungen dieses Buches herangezogen, um ein möglichst großes Spektrum von Interpretationen zu berücksichtigen, wobei ich allerdings darauf geachtet habe, ein Maximum an kreativer Freiheit entwickeln zu können. Die Zahl der Kapitel, 81, entspricht der Zahl der Kapitel des Tao Te King, um eine gewisse formale Ähnlichkeit beizubehalten. Doch ist Das Tao des Seins keine Übersetzung des Tao Te King, sondern eine Anwendung des Geistes, den jenes klassische Werk atmet, auf unser Denken und Handeln. (...)
          [Es] ist der Sinn dieses Arbeitsbuches, den Leser von Worten zu leeren, statt ihn damit zu füllen, ihn aus der scheinbaren Klarheit der Gewißheit in tiefe Ungewißheit und Empfänglichkeit zu versetzen. Wir nähern uns dem Tao, indem wir die Konzepte, die die Sprache uns auferlegt, auflösen, indem wir uns in Richtung direkter Erfahrung bewegen (...) Wenn man Lao-tse liest, wird einem allmählich klar, daß sein eigentliches Thema zwischen den Worten liegt, in den Leerräumen, die einen Gedanken vom anderen trennen. Einige Passagen des Tao Te King verfolgen einen bestimmten Gedanken und ergeben einen logischen Sinn, doch oft entstehen durch die Zusammenstellung und die Beziehung solcher in sich plausibler Gedankenzüge zueinander Sprünge, die sich jedem Erklärungsversuch widersetzen. Scheinbar simple Ideen spiegeln, so wie sie nebeneinander erscheinen, jene Widersprüche, die ein fester Bestandteil allen Lebens sind. Paradoxe sind natürliche Phänomene. Lao-tse erklärt weniger die immanenten Gesetzmäßigkeiten allen Geschehens, sondern er versucht uns einen Eindruck vom Wesen der Dinge zu vermitteln, indem er unsere Verstehensgewohnheiten erschüttert und uns der intellektuellen Konstrukte beraubt, die uns hindern zu sehen, wie die Dinge sind. (...)
          Das gesamte Tao Te King ist im Telegrammstil geschrieben, und die Übertragung des Inhalts in eine westliche Sprache sowie dessen Interpretation werfen gewaltige Probleme auf. Diese Schwierigkeit bezieht sich auf die Gesamtheit der annähernd 5.000 Ideogramme, aus denen das Tao Te King besteht. Deshalb weichen Übersetzungen dieses Werks teilweise erheblich voneinander ab. In meinem vorliegenden Buch Das Tao des Seins, das vom Tao Te King inspiriert ist, habe ich den Telegrammstil des Originals bewußt kopiert, so daß der Leser fehlende Verbindungen selbst herstellen muß. Wer sich die Denkweise, die dieses Arbeitsbuch zu fördern versucht, aneignen will, muß lernen, solche Gedankensprünge zu bewältigen.
          Die 81 Kapitel des vorliegenden Buches sind lediglich deshalb numeriert und mit Überschriften versehen worden, damit der Leser bestimmte Textstellen leichter wiederfinden kann. Sie beinhalten jedoch keine bestimmte Ordnung. Innerhalb der einzelnen Kapitel verläuft der Gedankenfluß nicht immer auf lineare Weise. Außerdem habe ich auch Lao-tses Schreibstil nachempfunden, um der speziellen Wirkung dieser Art zu denken nahezubleiben. Oft stehen aufeinanderfolgende Gedanken scheinbar in keiner Beziehung zueinander, ähnlich den Sprachbildern eines japanischen Haiku. In vielen Fällen liegt die Bedeutung eines Kapitels nicht in den Gedanken selbst, sondern in den verbindenden Zwischenräumen zwischen ihnen. Wichtiger als die einzelnen Gedanken sind in diesem Arbeitsbuch Gedankenverbindungen.
          In der Magie des geschriebenen Wortes, im »Sprechen mit den Augen« ist der Leser selbst der entscheidende kreative Faktor, der die Worte und Gedanken auf den Seiten des Buches zum Leben erweckt und sie miteinander verbindet. Ohne seine aktive Mitwirkung bleibt das geschriebene Wort leer und sinnlos.
          Zwischen jedem Wort und jeden Gedanken trifft der Leser auf einen Raum und auf eine Leere, die er überbrücken muß. Diese Räume sind sowohl vorhanden als auch nicht vorhanden. Sie sind der exklusive Privatbereich des Lesers, den er allein mit seinem Denken füllen kann. Diesen Leerraum zwischen den Gedanken überbrückt der Leser durch seine Einsichten. Die verbindenden Sprünge sind die Dynamik des Verstehens, nicht das Verstehen selbst. Das Springen ist eine Nicht-heit, die das Gewahrsein vertieft und die Verbindungen schafft, ohne das Verstehen einzuschränken. Was als voneinander getrennt definiert war, kommt zusammen, wird jedoch nicht unlösbar miteinander verbunden. Man könnte von einer »Rückkehr zum Anfang« sprechen.
          Das Springen verbindet die scheinbaren Teile des Denkens; es überwindet die trügerische Eigenständigkeit der Dinge und kreiert so ein Ganzes. Es wird also ganzheitlich auf die Dinge geantwortet, nicht individuell. Dadurch entsteht eine Sensibilität für Anleitung und Sinn, die im Endergebnis zum Gewahrsein des Mystikers führt. Alle Erfahrung, alles Lernen, alles Denken, alles Tun strebt diesem Gewahrsein zu. Zusammenfügen ist im Sezieren implizit enthalten. Man kann das Universum nur erreichen, indem man das Multi-versum wieder vereint.
          Im Taoismus findet dieses Verbinden durch einen Prozeß gleichzeitigen Leerens und Füllens statt. Lernen ist Füllen und das Erzeugen von Teilen. Verlernen ist Leeren und das Entfernen von Hindernissen, die jene Teile daran hindern, sich zu vereinen. Teile und Ganzes vereinen sich zu einem mystischen Sinn, so wie die polaren Gegensätze Yin und Yang sich zu einem dynamischen Gleichgewicht verbinden, welches das Tao ausmacht. Das Ergebnis ist nicht Allwissenheit oder Allmacht, sondern ein intuitives Gefühl dafür, wie man sich harmonisch in der Welt bewegt (...).
          Der Weise versteht nicht, sondern er tut; er tut, ohne zu verstehen. Sich mit dem Tao zu bewegen ist das Entscheidende, es zu verstehen unmöglich. Die Bewegung mit dem Tao soll alles, was innerhalb und außerhalb von uns ist, in einen Zustand dynamischen Gleichgewichts versetzen. So wird ein Prozeß initiiert, der zu einem höheren Maß an Gleichgewicht und Harmonie führt. (...)
          Nur wenige unter uns sind über seltene Augenblicke hinaus weise. Wenn wir zu wissen glauben, lehren wir; wenn wir nicht zu wissen glauben, lernen wir. Wir sollten weniger lehren und mehr lernen. Diejenigen, die lehren, die zu wissen vorgeben, sollten nicht dem Irrtum verfallen, sich für Weise im Sinne des Taoismus zu halten. Deshalb ist dieses Buch weniger ein Lehrbuch als ein Buch, das auf bestimmte Dinge hinweisen will."            
                           
                                                            (Aus der Einleitung von Ray Grigg) 

Ein hervorragender Schlusssatz und eine außergewöhnliche Einleitung! Meine Sorge, mit diesem langen Zitat gegen das Copyright verstoßen zu haben, will ich damit aufwiegen, dass mir diese Einleitung als eine der besten - wenn nicht als DIE trefflichste überhaupt - unter allen deutschsprachigen TaoTeKing-Publikationen erscheint! Nicht zufällig zieht Grigg mehrfach Parallelen zur Geisteshaltung des Zen. Denn die Einleitung ist nicht nur für das Verstehen der folgenden Darstellungen wichtig, sondern beschäftigt sich gleich mit der grundlegenden Frage von Verständnis: Wie kann ein Werk wie das TaoTeKing überhaupt etwas beim Leser bewirken, wie wird "Verstehen" möglich, wie kann das Verstehen hier erleichtert werden? Nur vor dem Hintergrund dieser zen/taoistischen Geisteshaltung werden Griggs weitere Ausführungen verständlich, die keine Übersetzung des TaoTeKing darstellen, sondern eine Darlegung seines richtigen Verständnisses. Es geht nicht um Worte, sondern um jene innere Geisteshaltung, die der Inhalt des TaoTeKing bedarf. Griggs Herangehensweise bildet da den einzig richtigen, weil irrationalen Ansatz.
Diese Publikation bietet wirklich "ein Arbeitsbuch zum Denken und Handeln". Eines der wenigen Bücher, das sich in jene Regionen aufschwingt, um die es dem TaoTeKing geht.
  

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