1903
Dr. Rudolf Dvorák


(*1860 in Driten=Zirnau, U1920 in Prag) 1879-82 Studium der klassischen und orientalischen Philologie in Prag (Arabisch, Persisch, Türkisch, nebenbei Semitistik, Assyriologie, Ägyptologie, Sinologie und Japanologie. 1884 Habilitation, danach Privatdozent. Ab 1890 Professor der orientalischen Philologie und Begründer der tschechischen Orientalistik an der k. k. böhmischen Universität in Prag.

Lao-tsï und seine Lehre.
(in: Darstellungen aus dem Gebiete der nichtchristlichen Religionsgeschichte. XV. Band. China's Religionen. Zweiter Teil.)
Verlag der Aschendorffschen Buchhandlung, Münster i. W. 1903

"Von den früheren Arbeiten über Lao-tsi unterscheidet sich mein Buch wesentlich, äußerlich wie innerlich. Meine Vorgänger, fast ohne Ausnahme, haben auf die Übersetzung des Lao-tsi'schen Buches als eines zusammenhängenden Textes das Hauptwerk gelegt. Mehr oder weniger ausführliche Anmerkungen oder fortlaufende Commentare sollten dem Verständnisse des Textes dienen, kürzere oder umfang- reichere Einleitungen in die Lehre einführen. Das Lehrsystem als ein Ganzes hatte sich der Leser an der Hand des ihm gebotenen Materials selbst abzuleiten. Ich glaubte diese keineswegs leichte Aufgabe dem Leser ersparen zu sollen. In meiner fortlaufenden Darstellung des Lao-tsi'schen Lehrsystems gehe ich von der Ansicht aus, daß
     1) Lao-tsi's Lehre gleich der des Confucius echt chinesisch ist, und es unstatthaft erscheint, fremde oder gar modern europäische Anschauungen in ihr zu suchen, oder besser gesagt, in sie hineinzutragen;
     2) daß das Lao-tsi'sche Buch keinen zusammenhängenden Text bildet.
Die Folge dieser Voraussetzungen ist, daß meine Darstellung des Lehrsystems im einzelnen nicht die Höhe erreicht, wie dies z. B. auch bei Strauß der Fall ist, anderer- seits daß einzelne Aussprüche Lao-tsi's nicht aus dem Zusammenhang erklärt werden, in welchem sie, mehr oder weniger zufällig, im Tao-tek-king stehen, vielmehr aus dem Ganzen des Lehrsystems und unter strenger Wahrung des Lao-tsi'schen Sprach- gebrauchs. Teilweise Wiederholung einzelner Aussprüche war die natürliche Folge. Eine fortlaufende Übersetzung des Tao-tek-king, die ich übrigens gerne angeschlossen hätte, mußte aus Mangel an Raum unterbleiben. Ein Index der in meinem Buche citierten Stellen ist gewissermaßen Ersatz dafür.
          Lao-tsi's Buch ist ein Text, dessen vielleicht kein einziger Satz von allen Übersetzern gleich verstanden, geschweige denn übersetzt wird. Nach dieser Seite wäre es sicher nicht ohne Interesse, würde jemand die vorhandenen Übersetzungen des Tao-tek-king in einem Sammelbande herausgeben ... Ich selbst habe mich in dieser Hinsicht darauf beschränken müssen, zu einzelnen Stellen Parallelen aus den nach meinem Urteil wichtigsten Übersetzungen (Julien, Strauß, de Harlez, z. T. Giles) in den Anmerkungen mitzuteilen.
          Strauß hat richtig bemerkt, daß sich kein Forscher je wird anmaßen können, in Lao-tsi's Buche überall das Richtige getroffen zu haben. Solches könnte vielleicht nur von Lao-tsi selbst erwartet werden. Ich für meine Person werde zufrieden sein, wenn es mir gelungen ist, im einzelnen das Verständnis des Lao-tsi'schen Buches zu fördern und durch meine Darstellung des Ganzen zur Würdigung des chinesischen Denkers beizutragen." (Aus dem Vorwort von Rudolf Dvorák)

Eine undogmatische, ausgewogene und fachlich und sachlich sehr interessante Arbeit. Ein deutschsprachiges Werk, das aber trotzdem kaum Beachtung gefunden hat, vielleicht deshalb, weil die übliche fortlaufende Darstellung in 81 Kapiteln nicht geboten wird.
Dvorák gliedert seine Darlegung in die Abschnitte: 1) das Tao an sich; 2) seine Erscheinung als Tek; 3) die Kosmogonie mit Himmel/Erde, Geister und Mensch; 4) der Weise und die Gesellschaftsethik; 5) der Herrscher.
Lesenswert.
  

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