1996
Thomas Cleary


Thomas Cleary (*1949) war an der Harvard University tätig und publiziert vorwiegend Werke buddhistischen, taoistischen, konfuzianistischen und islamischen Inhalts, die er direkt aus dem Sanskrit, Chinesischen, Japanischen, Pali und Arabischen übersetzt: The Essential Tao (1991), The Essential Confucius (1992), The Secret of the Golden Flower, The Art of War, The Essential Koran: The Heart of Islam. Mittlerweile bietet der Buchmarkt geradezu eine Flut an Publikationen seiner Texte in immer wechselnden Zusammenstellungen, Formaten und Einbänden.

Unterweisung in der Wirkkraft und im leitenden Prinzip.
(In: Sexualität, Gesundheit und Lebensweisheit. Taoistische Lehren. Seiten 79-162)  Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München. 192 Seiten
ISBN 3-426-86128-3

Die Übersetzung der amerikanischen Originalausgabe besorgte Peter Kobbe, so daß die vorliegenden deutschen Textversionen streng genommen als seine Fassung angesehen werden müsste.

          "Innerhalb des breiten Spektrums taoistischer Traditionen, die sich auf mannigfaltigste Interessensgebiete und Studien erstrecken, findet sich die sogenannte Huang-Lao-Schule als eine der frühesten Bewegungen, die den bewußten, übungsmäßigen Vollzug des engen Zusammenhangs zwischen Physischem und geistigem Wohlbefinden programmatisch hervorheben. (...) Neuere archäologische Funde in China haben bislang unbekannte Texte aus dieser Tradition ans Licht befördert, die hier zum Teil erstmals übersetzt sind; (...) Die fünf Texte dieser Übersetzung waren Bestandteil der berühmten Ma-wang-tui-Funde von 1973/74. (...) Die beiden letzteren, betitelt als Unterweisungen in der Wirkkraft und Unterweisungen im leitenden Prinzip, konzentrieren sich auf die psychologischen Faktoren von guter Gesundheit und Wohlbefinden, insbesondere auf den Abbau von Streß und die Pflege förderlicher sozialer Beziehungen (...) Die mit Unterweisungen in der Wirkkraft (Te-ching) und Unterweisungen im leitenden Prinzip (Tao-ching) betitelten Texte bilden, unter der zusammenfassenden Bezeichnung Unterweisungen in der Wirkkraft und im leitenden Prinzip (Te-tao-ching), ein zusammengehöriges Ganzes. Dabei handelt es sich um eine lang verschollene Version des berühmten Tao-te-ching; beide Fassungen sind Interpretationen eines noch älteren tradierten Wissens. Aber die Version des Te-tao-ching ist realistischer als die vergleichsweise abstrakten und mystischen Interpretationen uralter Wissensüberlieferung im Tao-te-ching.
          Das Te-tao-ching befaßt sich mit dem Thema Gesundheit und langes Leben auf seine eigene Art: Es zeigt eine radikale Entlastung von schädlichem Streß auf, der von bestimmten Geistesverfassungen wie etwa zwanghafter Angst, Paranoia oder Aggression herrührt. Grundstimmungen von Gelassenheit, Fröhlichkeit, Mitgefühl und Ungebundenheit werden sowohl zum direkten als auch zum indirekten Nutzen verordnet, da sie das individuelle Wohlbefinden ebenso wie zwischenmenschliche und berufliche Verhältnisse verbessern. Beide Teile dieses ehrwürdigen Textes skizzieren Geisteshaltungen und kontemplative Übungen, die der Beseitigung negativer, ja krankhafter Gefühlszustände dienlich sind, und legen die Entwicklung positiver therapeutischer Gefühlszustände dar." 
                                                          (Aus dem Vorwort von Thomas Cleary)

          " Das chines. Substantiv »te«, hier mit »(die) Wirkkraft« wiedergegeben, wird von Cleary in den Unterweisungen durchgängig mit »effectiveness« übersetzt. Das chinesische Substantiv »ching« (dt.: »kanonische Bücher«, »Klassiker« oder auch »sanktionierte Lehre«) wird von Cleary mit »course(s)« übersetzt und hier mit »Unterweisung(en)« wiedergegeben. Das chinesische Substantiv »tao« übersetzt Cleary in den Unterweisungen durchgängig mit »guidance«, wörtl. Leitung, Orientierung, Führung (...) Aus diesen Gründen wird »guidance« hier mit »leitendes Prinzip« bzw. »Leitprinzip« wiedergegeben." 
            (Aus den "Anmerkungen zur deutschen Übersetzung" von Peter Kobbe)

Cleary hat bei seiner zweiten im Jahr 1996 auf Deutsch publizierten TaoTeKing-Ausgabe den Mawangdui-Text bearbeitet, jene Textfassung des TaoTeKing, die erst 1973 bei Ausgrabungen in China gefunden wurde und heute als die älteste vollständige Originalfassung gilt. Viele Formulierungen weichen hier von der sonst gewohnten Wang-Bi-Fassung ab und lesen sich recht holperig, z.B. beim 3., 45., 46., 50., 54. und 58. Kapitel. Bei der Wiedergabe des 41. (76. nach klassischer Zählung) hat sich dann gar ein Druckfehler eingeschlichen, der den Sinn verkehrt.
Der Titel der kleinformatigen Ausgabe ist vielleicht etwas sehr am Zeitgeist orientiert (und der Knaur Verlag hat die taoistische Textsammlung dann noch - versehentlich? - mit einer indischen, kamasutra-ähnlichen Illustration geschmückt ...).
  

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