Tao Te

Anmerkung
zu meiner Übertragung des

 

( Daodejiing )

Viele Philologen haben Übersetzungen des Tao Te King vorgelegt. Und keiner hat unterlassen darauf hinzuweisen, dass nur Fachleute dazu befähigt seien, eine Übersetzung zu liefern, die man auch ernst nehmen könne. Nur Fachleuten sei es möglich, den Text richtig zu interpretieren und eine Darlegung zu bieten, die seinem Inhalt auch wirklich entspricht, anstelle von Halbheiten, Missverständnissen oder gar haltlosen Phantasien. Ist dies der Weisheit letzter Schluss?
          Sicherlich sind Fachleute unentbehrlich, um die chinesischen Schriftzeichen des Originals in unsere Sprache zu übertragen. Und außerdem sind wir bei historischen Texten auch auf die Kenntnis der Alt-Philologen angewiesen, die die Schriftzeichen im geschichtlichen Kontext richtig zu deuten vermögen. Doch kann eine rein
wissenschaftliche Herangehensweise den eigentlichen Sinn des Textes erfassen? Hier geht es ja nicht um die Richtigkeit von Worten sondern um deren Sinn an sich. So muß man für den Text des Tao Te King sicherlich über gelebte meditative Erfahrung verfügen, um die Tragweite und Bedeutung einzelner Stellen erfassen und angemessen darlegen zu können.

Das Tao Te King ist nicht nur ein alter chinesischer Text, es ist auch nicht nur ein alter philosophischer Text – das Tao Te King zielt inhaltlich auf jenes Letzte, auf die wahre Wirklichkeit, mit der sich alle großen Schriften der Menschheitsgeschichte befassen: Es ist die Sicht der Welt von höchster, unpersönlicher, transzendenter Warte. Wer wollte das aber in verbindliche Worte fassen?

Völlig unangebracht ist meiner Meinung nach das Bestreben von Übersetzern, eine deutsche Fassung in gleicher Kürze oder mit der gleichen Anzahl von Worten  wiederzugeben: Das Chinesische hat eine gänzlich andere Sprachstruktur, ein solcher Ansatz macht keinen Sinn. Ebenso unsinnig ist auch das Bemühen, das Tao Te King in gereimter Form wiederzugeben. Wenn der alte chinesische Text zum besseren Auswendiglernen auch teilweise lautgereimt war: Warum dies nun auch in deutsche Übersetzungen hineinzwingen, wenn dies letztlich doch immer zu Lasten des trefflichsten Ausdrucks geht? 

Hinzu kommt außerdem, dass die Menschen die für die Übersetzung gewählten Worte ganz unterschiedlich auffassen werden. Sprache ist nicht eindeutig. Unser persönlicher Verständnishintergrund und unser individueller Standpunkt zu den Dingen führt auch zu einem unterschiedlichen Sprachgebrauch. Den Inhalt, den der eine mit einem bestimmten Wort verbindet, assoziiert der nächste mit einem ganz anderen. Worte und Begriffe sind bei Menschen unterschiedlich belegt. Vor allem bei Worten, die Abstrakta betreffen. Jeder hat hierzu seinen eigenen Verständnis- und Erfahrungshintergrund, der zudem oft auch noch von der augenblicklichen Stimmungslage beeinflusst wird. Bei einem solch stark subjektiven Verständnis der Worte ist es müßig, eine endgültige Textversion entwerfen zu wollen.

Dem unterschiedlichen Sprach- und Wortverständnis der Menschen auch verschiedene Übersetzungsversuche an die Hand zu geben, um durch deren Vielfalt eine Erfassung des Textsinns zu erleichtern und ihn damit in seiner Tiefe überhaupt erst zu ermöglichen, ist deshalb Sinn und Rechtfertigung eines jeden neuen Übertragungsversuchs. Den größten Gewinn hat dabei sicherlich der Übertragende selbst. Denn erst eine solch intensive Auseinandersetzung offenbart die Fülle unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten, Sichten – ja, Bedeutungsebenen. Dieses Eintauchen ins Sujet verändert und führt - symbolisch gesprochen - in eine Welt hinter den Worten. Und auch als Leser kommt es somit nicht darauf an, eine letztgültige Übersetzung zu suchen, sondern besser zu schauen, welche Einsichten eine jede bietet. Man kann die Bedeutung des Tao Te King nicht erklärt bekommen. Man muss sie finden.

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